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Wohnen. Hochwertige Raumkonzepte.

Als das klassische Objekt aus dem Aufgabenbereich der Architektur wird in diesem Band das moderne Wohnen im luxuriösen Einzelbau anhand verschiedenster Typologien präsentiert. Luxuriös sind diese zwar häufig auch im Hinblick auf die aktuelle Frage der Nachverdichtung städtischen Raums und der damit verbundenen knapper werdenden Ressource des Wohnraums, hier soll aber vor allem die architektonische Qualität des Raums im Fokus der Betrachtungen stehen. So besitzen die ausgewählten Projekte jeweils eine individuelle Perspektive auf die Frage, was ein hochwertiges Raumkonzept konkret ausmacht. Individuelle Anforderungen seitens der BauherrInnen, der örtlichen Gegebenheiten und des kulturellen Kontexts wurden so im Bauprozess an die PlanerInnen herangetragen und verlangen nach einer Antwort, die alle Faktoren vereinbaren kann.

Schon immer ist die Typologie des Wohnens zentraler Bestandteil architektonischer Bemühungen der Menschen gewesen. Vom bloßen, archaischen Schutzraum vor Witterung in Form der Urhütte haben sich die Anforderungen und Ansprüche an die Behausung des Menschen bis heute stark gewandelt. Neben der Bedienung elementarer Bedürfnisse nach Schutz ist der Wohnraum der heutigen Zeit primär Wohlfühlort und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sowie des Lebensstils seiner Bewohner. Konzentrierte sich der Bau von Wohngebäuden vergangener Jahrzehnte im Vergleich noch stärker auf die reine Funktionalität – man denke an das Erbe der Moderne und deren Ideal von „form follows function“ oder die oft pragmatische Bauweise der 50er-Jahre – stellen sich die Projekte der gegenwärtigen Zeit noch mehr als höchst ästhetische Gebilde dar. Die Interaktion der NutzerInnen mit dem sie umgebenden Raum hat eine weit höhere Komplexität erreicht und definiert so die Qualität der Architektur auf einer Ebene jenseits der reinen Funktionalität. Die Ästhetisierung der Architektur und ihrer räumlichen Konzepte wird zum Abbild der Ästhetisierung des Lebens seiner BewohnerInnen. Materialien als Träger und Vermittler von Atmosphäre sind daher ebenso wichtige Bewertungskriterien der Raumkonzepte in diesem Band wie der Grundriss eines Gebäudes. Diese Qualitäten des Materials sind beispielhaft im Projekt „Betonhaus in Caviano“ von Wespi de Meuron Romeo Architekten BSA abzulesen. In seinen haptischen Eigenschaften stark herausgearbeitet, erweckt das Material Beton durch seine Massivität den ursprünglichen Höhlencharakter des Hauses und erzeugt dadurch eine sichere Atmosphäre. Die Metapher der Wohnhöhle als Schutz vor Witterung wird hier durch den dezidierten Umgang mit Fassadenöffnungen zu einem Spiel aus Offenheit und Geschlossenheit und inszeniert das Haus als Schutzraum vor der Öffentlichkeit – als Rückzugsort zur privaten Entfaltung. Die sehr bedacht gestaltete Lichtführung hebt durch Streiflichteffekte und gezielte Lichteinfälle die Oberflächenbeschaffenheit des Materials hervor und lässt dies zum Teil des hochwertigen Raumkonzepts werden.

Betonhaus in Caviano, Wespi de Meuron Romeo Architekten BSA
Betonhaus in Caviano, Wespi de Meuron Romeo Architekten BSA

In unserer fragmentarisierten Gesellschaft sind starre Vorstellungen des Lebens aufgebrochen und neue Möglichkeiten der Individualisierung in der Gestaltung von Raumkonzepten geschaffen worden. Das Denken in Grundrissen klar abgrenzbarer Funktionsbereiche ist dem fließenden Wohnraum gewichen, welcher die Konzepte vieler hier dargestellter Projekte bestimmt und äußerst innovative Formen der Nutzungsverteilung zum Ergebnis hat. Im „Haus in der March“ von kit wird auf diese Weise aus der Bewegungsfläche der Treppe der zentrale Lebensraum des Gebäudes entwickelt. Aus starrer, horizontaler Schichtung von Geschossflächen wird ein fließender Bereich, welcher jenseits von Horizontalität und Vertikalität erfahrbar wird und gleichzeitig zum spannenden Erlebnisraum aufsteigt. Die daraus resultierende Skulpturalität des Baukörpers zeigt auf einer weiteren Ebene die Qualität des architektonischen Raums.

Nicht nur interne Bezüge sondern auch die Verzahnung von Innen und Außen wird zum entscheidenden Faktor der Raumkonzeption zeitgenössischer Wohnbauten, wie am Beispiel des „Wohnhauses in Weihnheim“ von Wannemacher + Möller Architekten. Wie sich das Gebäude auf seinem Grundstück verortet und eine Adresse ausbildet ist ebenso ein entscheidendes Gestaltungskriterium. Die architektonische Transparenz dieser Räume bestimmt, auf welche Weise die BewohnerInnen mit ihrer Umwelt interagieren und sich selbst in dieser verorten können. So spielt dieses Projekt mit dem Kontrast zwischen seiner Offenheit zur privaten Gartenseite und seiner Geschlossenheit zur öffentlichen Straßenseite, die in zwei völlig eigenständigen Fassadengestaltungen in Abhängigkeit von der Verortung der BewohnerInnen zum Außenraum resultiert.

Einige der hier gezeigten Projekte entwickeln ihre besonderen Qualitäten erst aus dem Umgang mit strengen äußerlichen Einschränkungen ihres städtebaulichen Kontexts, wie beispielsweise straffen Regularien durch gegebene Bebauungspläne. Exemplarisch hierfür steht das Gebäude „H6“ von dma deckert mester architekten: Klar vorgeschriebene Kubaturen sowie verhältnismäßig wenig Platz und eingeschränkte Materialauswahl motivierten die ArchitektInnen, im Rahmen der Vorgaben innovative Grundrisslösungen zu entwickeln. Ein flexibles Nutzungskonzept der Raumreserven und eine etwaige Teilbarkeit der Wohnflächen sind nur einige der bemerkenswerten Vorzüge dieses Raumprogramms.

Neben dem Wunsch der BauherrInnen nach Individualität sind häufig auch die topographischen und kulturellen Standorteigenschaften entscheidende Faktoren bei der Findung eines Wohnkonzepts. Der Genius loci – die Gegebenheiten des Orts und seine inhärenten Eigenschaften – wirkt nicht selten zu großem Teil auf die Form des Baukörpers ein. Nennenswert sind hier die Projekte „Wohnhaus S“ von Design Associates sowie „Haus mit Aussicht“ von Müller & Truniger Architekten, welche beide mit ihrer Raumkonzeption starken Bezug auf die Hanglage des Grundstückes nehmen und den Wohnraum im engen Verbund mit der Topographie entwickeln. Ihre Symbiose mit dem topographischen Kontext steht in Form von besonderen Ausblicken und Bezügen zum Außenraum symbolisch für Exklusivität und damit für hochwertigen Wohnraum. Andere Projekte wie der „Inseltraum“ von SEHW Architektur nutzen die Standortfaktoren als entwurfliches Entscheidungskriterium für die Ausformung der Gebäudekonstruktion. Aufgrund der Lage in einem Überschwemmungsgebiet entschieden die ArchitektInnen sich für eine Aufständerung der Baukörper, wodurch das Ensemble gleich einer Inselgruppe über dem Gelände schwebt und sich so entsprechend anders im Bezug zu seiner Umwelt positioniert als ein ebenerdiger Entwurf.

Ein weiteres, an Bedeutung gewinnendes Thema heutiger Bauaufgaben stellt die Umnutzung von Bestandsgebäuden dar. Im Gegensatz zu den vielfältigen Möglichkeiten der Individualisierung von Raumkonzepten für Neubauten bringt die Sanierung und Umnutzung eines Gebäudes eine stark vorgeprägte bestehende Bausubstanz mit sich. Der Charakter, die Geschichte sowie vor allem das sichtbare Alter dieser Gebäude sind atmosphärische Elemente, die bei angemessener Inszenierung Teil eines herausragenden Wohnkonzepts werden können. Die Konstruktion und die ehemalige Nutzung des Bestands bilden unumgängliche Eigenschaften des Gebäudes, welche seine Form mitbestimmt haben und oft besondere Maßnahmen im Umgang mit Material und Raum erfordern. Im Gegenzug bringen derartige Projekte oft durch die Spuren der Zeit eine Wirkung mit sich, wie sie kein Neubau erzeugen kann. So soll diese Projektsammlung mit zwei Beiträgen ebenfalls einen Querschnitt von Bauaufgaben im Bestand zeigen. Exemplarisch verkörpert das „Haus Stein“ von Jan Rösler Architekten die beschriebene Hochwertigkeit durch eine Wertschätzung des Gebäudes aufgrund seines Alters. Die Stärke dieses Projekts liegt mitunter in dem Aspekt des Unerwarteten, welcher durch den Kontrast zwischen alter Hülle und neuem Inneren stark gemacht wird. Die Wertigkeit des Alten wird ebenso in Szene gesetzt, wie die Qualität der neuen Teile, wodurch das Haus aufgrund seiner unterschiedlichen Altersschichten zu einem lebendigen Objekt wird.

Haus Stein, von Jan Rösler Architekten
Haus Stein, von Jan Rösler Architekten

Der Fokus bei der Auswahl der nun folgenden Beiträge lag schlussendlich vor allem auf der architektonischen Qualität der Bauten im Sinne eines starken Konzepts, welches den Raum zum Zusammenleben formt und das Haus jenseits seiner bloßen Funktion bereichert: Ein Konzept, welches zum einen eine starke Bildhaftigkeit in der Formensprache bewirken kann oder zum anderen eine konsequente Erkennbarkeit der Leitmotive und der architektonischen Intention zeigt. In seiner Gesamtheit soll dieser Band die große Vielfalt dieser zeitgenössischen Wohnkonzepte anhand exemplarischer Projekte veranschaulichen. Da eine klare Vorstellung wie Wohnarchitektur heutzutage auszusehen hat nicht mehr gegeben ist, finden sich somit auf den folgenden Seiten Baukörperformen vom klaren Kubus bis zur expressiven Wohnskulptur. Aus gegebenem Anlass möchte diese Projektsammlung die LeserInnen einladen, die Vielfalt der Architektur zu bestaunen und die unterschiedlichsten Ausdrücke gegenwärtigen Wohnens zu erleben.